Wieso ich zu meinem Geburtstag nicht ein einziges Geschenk haben wollte

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich wurde 31 Jahre alt. Kann man sich das vorstellen? Ich mir jedenfalls nicht. Ich fühle mich zwar noch jung, aber im Grunde genommen könnte ich schon eine M.i.l.f. sein, die Mutter deiner jüngeren Geschwister oder erfolgreiche Karrierefrau mit Doktortitel. Bin ich alles nicht. Dennoch habe ich gelegentlich das Gefühl, die Welt noch erobern zu können. Zumindest wenn ich zwei Gläser Alkohol getrunken habe.

Mal abgesehen von der Zahl, hat sich dieses Jahr noch etwas verändert. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir zum Geburtstag von ganzem Herzen kein Geschenk gewünscht. Von niemandem. Und es war erstaunlich, wie schwer dieser Wunsch durchzusetzen war.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Geschenke und ich verurteile hier auch sicher niemanden, der seinen Geburtstag gerade auch wegen der Geschenkis zelebriert. (Achtung, jetzt wirds wieder pseudo-philosophisch). Nur ist mir in den letzten Wochen und Monaten bewusst geworden, dass ich unheimlich viel Materielles besitze. Dazu zählen neben Kleidung, Handtaschen, Schmuck, Schminke und Parfums auch lauter Kleinkram wie Handyhüllen, Schlüsselanhänger oder Deko. Erst vor ca. einer Woche habe ich meinen Kleiderschrank ausgemistet und es widerte mich regelrecht an, dass so viele Teile rumlagen, die ich noch nie getragen habe oder an denen sogar noch das Preisschild hing. Überall steht was rum und seit kurzer Zeit belastet es mich. Früher konnte ich nicht gierig genug sein, nahm jedes Geschenk, jeden Gutschein an, tauschte die Deko alle paar Monate und legte mir Lippenstift in fünf ähnlichen, wenn nicht fast identischen Farben zu. Das ist doch komplett verrückt, oder?

Ich hatte da diesen regelrechten Kaufdrang, mich nach der Arbeitswoche mit Kleidung oder Kosmetik zu belohnen. Dann kam Instagram und es war anfangs so absurd, dass ich tatsächlich viele neue Kleidungsstücke kaufen wollte, nur damit ich sie der Welt da draußen präsentieren konnte.

Vor Jahren hat mir das Shoppen noch ziemlich viel Spaß bereitet und ich hatte regelrechte Glücksgefühle, sobald ich mir ein neues Teil gegönnt habe. Gönnen, gönnen, gönnen. Ständig dieses Gönnen. Ich habe darauf nicht mehr diese Lust, wie ich sie mal verspürt habe. Wozu auch? Ist es nicht ein verdammter Teufelskreis, dass wir unsere Ärsche jeden Morgen in die Arbeit hieven, um dort Geld zu verdienen, das wir anschließend wieder für unnötige Dinge in den Wirtschaftskreislauf pumpen?

Seit ein paar Monaten fühlt es sich irgendwie anders an. Zum Glück! Mein Besitz lastet plötzlich schwer auf meinen Schultern. Bei so viel Zeugs ist doch eine Wertschätzung aller einzelnen Dinge gar nicht mehr möglich. An dem einen Parfum habe ich mich satt gerochen, das Shirt wurde einmal getragen und in die Ecke verfrachtet und der Lippenstift, der mir plötzlich nicht mehr gefiel, gammelt nun in der Schublade vor sich hin. Alles Wegwerfware. Das Materielle klebt an mir wie Kaugummi an der Schuhsohle.

Daher habe ich beschlossen, dass ich mich dieses Jahr der kleinen Herausforderung stelle und mir ganz bewusst nichts wünsche. Es folgten ein paar kleine Diskussion, denn offenbar fiel es den Schenkenden schwer, darauf zu verzichten. Das kann ich schon auch nachvollziehen, will man dem Geburtstagskind doch eine Freude bereiten. Außerdem gehört es sich schließlich nicht, dass man auf einem Geburtstag ganz ohne Geschenk aufkreuzt. Aber genau hier wollte ich ansetzen und Strukturen aufbrechen, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben. Einfach mal nichts schenken.

Wisst ihr, was mich am meisten überrascht hat? Dass ich es nicht eine Sekunde lang vermisst habe, beschenkt zu werden. Es war ein herrliches Gefühl.

Foto Credits: Amy Shamblen