Von Selbsthass, Selbstzerstörung und Selbstliebe

Nun, wie soll ich diesen Blogpost beginnen, der wohl der persönlichste von allen ist und es auch bleiben wird? Lasst mich mit der Vorgeschichte anfangen.

Es war Ende 2011 als ich wegen des Studiums von Passau nach Wien gezogen bin. Anfangs war die Wohnung kalt, aber nicht wegen des Winters, nein. Ich spürte keine Wärme in mir. Umzugskisten standen herum, ich hatte noch kein Bett, keinen Fernseher, kein Wlan (ja, das war echt schlimm, haha!) und kaum Möbel. Und obwohl meine Schwester in derselben Stadt wohnt, fühlte ich mich unheimlich einsam. Mir fehlte irgendwie die Luft zum Atmen. Die Kehle schnürte es mir in regelmäßigen Abständen zu, weil sich ständig ein beklemmendes Gefühl einschlich. Ich hatte in Wien keine Freunde, kein Zuhause. Zwar ein Dach über dem Kopf, aber ein Zuhause war es lange Zeit nicht.

Es wurde schon finster und so legte ich mich zum Schlafen auf die quietschende dunkelblaue Luftmatratze und legte die O.C. California DVD in das Laufwerk meines steinalten Laptops ein. Ich suchte Halt in einer Scheinwelt am PC, während das grelle Licht der Straßenlaternen durch die staubbedeckten Fenster ins Zimmer schien und unheimliche Schatten an die hohen Wände malte. So als würde mir Wien den Start noch schwerer machen wollen. Und dann überkam sie mich, diese unendliche Traurigkeit, die ich plötzlich nicht mehr stoppen konnte. So tat ich das, was ich häufig tat: Ich fing an zu weinen, ging ins Bad, holte die Nagelschere aus dem Regal hinter der Türe und setze mich auf den Boden, den Rücken an der Badewanne angelehnt. Und dann begann der Kampf. Tu es, tu es, TU ES! Nein, hör endlich auf damit! Es bringt dir nichts. Nun mach schon und bestrafe dich! Bitte lass es, sei stark! Aber wie so oft hat der Selbsthass gewonnen und er fing an, mir mit voller Wucht ins Fleisch zu schneiden. Ausholen, an der Haut entlang schneiden, weinen, wiederholen. Bis es blutete. Meine Augen kamen nicht mehr hinterher mit all den Tränen, die das Herz verlangte. Und irgendwann stand ich auf, blickte in den Spiegel und oh, wie ungemein mich die Lust überkam, auf das Spiegelbild einzuschlagen. Statt dem Spiegel musste das Gesicht herhalten. Klatsch! Und weil eine Ohrfeige nicht genügte, musste auch die andere Backe daran glauben. Alles tat weh. Die Haut und das Herz. So oft habe ich mich geritzt, geschnitten, in Hände und Arme gebissen oder die Hand gegen mich erhoben. Und es tut mir jetzt, all die Jahre später, so weh, das zu schreiben. Es tut mir unheimlich leid, dass ich so zu mir war.

Wie war ich damals denn, also noch bis vor ein paar Jahren? Unzufrieden, unausgeglichen, selten dankbar, negativ. Ich fand alles scheiße, habe meine Gesundheit nicht geschätzt und wollte lieber das Leben von anderen Personen führen, die so glücklich schienen. Ich fand mich oft hässlich, konnte meine Persönlichkeit nicht leiden. So ging es Jahre dahin. Viele Beziehungen gingen in die Brüche. Ich habe mich oft gefragt, warum. Erst viel später wurde mir bewusst, dass ich einen großen Teil zum Scheitern beigetragen habe.

Letztens habe ich den SMS-Chat von mir und einem meiner Ex-Partner entdeckt, den ich offenbar noch nicht gelöscht hatte. Ich dachte eigentlich, dass ich mich bei ihm schon ordentlich gebessert hatte. Aus Neugierde habe ich  den Chat bis zur allerersten SMS raufgescrollt und mir alles durchgelesen. Und wer auch immer das geschrieben hat, das war nicht ich. Ich erkannte mich in den Zeilen nicht wieder! Es war immer dasselbe Verhaltensmuster: Ich wollte irgendetwas, er hatte in dem Moment keine Lust dazu, ich war gepisst, es hat sich hochgeschaukelt und der Streit war vorprogrammiert. Oder ich war unzufrieden mit mir, habe mich deswegen wie eine „beleidigte Leberwurst“ aufgeführt und dann kam der Klassiker. Er: „Was ist los?“, ich: „Nichts.“, er: „Jetzt sag schon, ich merke doch, dass was ist!“, ich: „Nein, NIHIIICHTS, ok!!“ Tatsächlich konnte ich den Grund oft wirklich nicht benennen. Im Nachhinein weiß ich, dass es Frust war. Frust, weil ich mit mir selber nicht klarkam, unzufrieden war und mich schlicht und ergreifend nicht leiden konnte.

Was hat mir also geholfen, dass ich mich ändern konnte? Ich habe es in meinem Leben zwei Mal mit einer Psychotherapie versucht. Die erste Sitzung damals war auch gleichzeitig die letzte. Ich fühlte mich nicht wohl. Das zweite Mal landete ich bei einer Gesundheitspsychologin, nachdem ich beruflich als auch privat stark zu kämpfen hatte und fast nicht mehr von allein auf die Beine kam. Bei dieser Frau hatte ich zwar ein gutes Gefühl, es stellte sich jedoch heraus, dass sie lediglich die Diagnose erstellt hatte und ich mich erst nach einer geeigneten Therapeutin hätte umsehen müssen. Damit war ich überfordert, also gab es nur einen Weg: Es alleine zu schaffen. Und das tat ich, liebe Leute!

Es klingt verrückt, aber Instagram trug einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei, dass ich mich zu dem Menschen entwickelt habe, der ich nun bin. Ich habe mir gezielt Accounts gesucht, die eine positive Lebenseinstellung und Wege zur Selbstliebe aufzeigen. Ich habe mir Bücher gekauft, deren Klapptexte mich angesprochen haben, mir Podcasts angehört, mich viel gesünder ernährt, mit Sport begonnen. Und ich habe das getan, was mein Papa seit Jahrzehnten predigt: dankbar zu sein! Es hat mich immer genervt, diese Dankbarkeit, denn ich empfand es als selbstverständlich, dass alles da war und ich gesund bin. Wie schade!

Den größten Einfluss aber hatte ich selbst auf mich, und zwar durch meine Art und Weise, wie ich mit mir spreche und wie ich meinen Körper behandle. Daran habe ich wochenlang, nein, über Monate hinweg, gearbeitet. Es sieht in der Praxis so aus, dass ich mir selber immer wieder Bussis auf den Arm gebe und sehr oft in Gedanken mit mir spreche. Ich bin meine größte Stütze geworden und fand in mir selber einen Ort, an dem ich mich unheimlich wohlfühle, mal ganz abgesehen davon, wie meine äußerliche Hülle aussieht. Ich spreche so lieb mit mir, wie eine Mutter mit ihrem Kind, das sie über alles liebt. Es mag seltsam klingen, aber ich rede mich mit Kosenamen wie „Mein Schatz“ oder „Meine kleine Maus“ an und dann gibt es da noch den „Squeezy“. Nen „Squeezy“ mache ich, wenn ich stolz auf mich bin oder wenn ich gerade ängstlich oder unsicher bin und mir Mut machen möchte. Dann nehme ich mit meiner rechten Hand die linke und drücke sie liebevoll. Das, ladies and gentlemen, ist der SQUEEZY, lol. In mittlerweile seltenen Momenten, in denen ich weine, schlinge ich meine Arme um mich und streiche mir über den Rücken oder über die Backe. Ich gebe mir den Halt, den ich brauche. Ich bin für mich da, wenn niemand sonst da ist. Ich habe gelernt, dass ich meine allerbeste Freundin sein kann und es für einen angenehmeren Alltag die beste Entscheidung ist, mit mir selber Frieden zu schließen, denn so ist wahnsinnig viel Ruhe, Harmonie und Liebe in mein Leben eingekehrt.

Ich wünsche dir, wenn du das liest und dich in manchen Zeilen wiedererkennst, dass du es schaffst, dich mehr anzunehmen und gern zu haben. Und glaube mir, dass ständige liebevolle, ermutigende Selbstgespräche sowie Berührungen und Umarmungen dir nach einigen Wochen oder Monaten wahnsinnig helfen werden. Vertraue in die wachsende Liebe zu dir. Oh Gott, ich klinge schon wie so ein spiritueller Guru, fml.