Und jetzt lasst uns alle einfach mal so richtig unglücklich sein

Wenn ich so überlege, welche Schlagworte ich mit Instagram oder Social Media im Allgemeinen verbinde, so fallen mir spontan folgende Begriffe ein: Motivation, produktiv sein, #positivevibesonly, Urlaub/Reisen, spannende Projekte, gute Laune, das Leben genießen und Dankbarkeit. Was natürlich an sich absolut nichts Schlechtes ist, im Gegenteil. Jedoch wird das Gefühl vermittelt, als wäre der Großteil der Menschen stets glücklich und zufrieden oder würde zumindest sein Leben halbwegs auf die Reihe bekommen. Natürlich weiß man, dass auf Instagram nur ein gewisser Teil der Realität abgebildet wird und ich möchte diese Plattform sicher nicht verteufeln (zumal ich ja selber Teil dieser Maschinerie bin). Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass durch die Verzerrung der Wirklichkeit und durch die Konzentration auf das nahezu ausschließlich Positive bewusst oder unterbewusst ganz schön viel Druck auf uns ausgeübt wird. Ist denn für negativ konnotierte Gefühle wie Wut, Verzweiflung oder Trauer kein Platz mehr?

Der moderne Melancholiker, wie ich ihn hier mal nennen und mich durchaus dazuzählen möchte, ist gerne gelegentlich traurig und lässt diese Emotionen ganz bewusst zu. Er erlaubt es sich, auch mal schlecht drauf zu sein. Davon abzugrenzen ist der Melancholie-Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung, wie Sigmund Freud ihn verstanden hat: als eine tiefe schmerzliche Verstimmung mit selbstzerstörerischen Aspekten. In diesem Fall meine ich mit Melancholie den Zustand, wenn man für begrenze Zeit schwermütig ist, gerade keine Lust auf soziale Kontakte hat. Man hinterfragt vieles kritisch und Kleinigkeiten führen dazu, dass Tränen fließen oder wir Frust empfinden.

An der modernen Melancholie gibt es nichts zu heilen, im Gegenteil, die Melancholie kann uns sehr guttun, wenn wir uns ihr hingeben. Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. med. Christian Peter Dogs schreibt in seinem Buch „Gefühle sind keine Krankheit“ (das ich im Übrigen wärmstens empfehlen kann) Folgendes: „Seien Sie traurig. Genießen Sie sogar das Gefühl von Traurigkeit. (…) In einer Leistungsgesellschaft sind fröhliche Gesichter erwünscht, (…) der Traurige, Weinende aber soll sich verstecken, weil er vermeintlich schwach ist – und auch, weil er mit seiner Reaktion zeigt, dass das Leben eben nicht immer zu kontrollieren ist, sondern manchmal sehr schwer und verstörend sein kann. Viele spielen dieses Spiel mit, vertuschen, wie verletzbar sie sind (…). Ein anstrengendes, verwirrendes Spiel.“

Wieso erlauben wir uns also nicht einfach, uns Zeit zu nehmen für Traurigkeit, ohne dass wir sofort Ursachenforschung betreiben und uns vor allen anderen rechtfertigen müssen? Somit hat auch Trübsalblasen einen Sinn. Zum einen, um das Leben mit all seinen Facetten spüren zu können, zum anderen, um wieder zu uns zu kommen und aus dieser Situation Kraft zu schöpfen.

Der Psychologe Joseph Forgas von der Universität von New South Wales in Sydney kritisiert: „Die heutige Zeit konzentriert sich einseitig auf die Vorteile des Wohlgefühls.“ Dabei gehört doch schlechte Laune, die sogenannte „Dysphorie“, ebenso zum Alltag dazu. Wenn wir sie nicht zulassen, machen wir aus Trübsal, Traurigkeit und Melancholie etwas Negatives, das in der heutigen Gesellschaft unerwünscht zu sein scheint. Das wiederum gibt Menschen, die sich der Melancholie öfters hingeben, ein ungutes Gefühl, so als würde etwas nicht mit ihnen stimmen, da alle anderen augenscheinlich alles positiver empfinden. Daraus resultiert auch, dass Menschen, die diese Traurigkeit häufiger verspüren, meinen, sie seien unter Umständen depressiv, weil die Melancholie kein normaler Teil des Alltags ist, so wirkt es zumindest. Aber zeitlich begrenze Unzufriedenheit, Frust oder einfach nur Unglücklichsein ohne einen offensichtlichen Grund hat in der Regel nichts mit einer echten Depression zu tun.

Dennoch läuft es im Normalfall so ab: Merkt man, dass jemand traurig ist, so versucht man krampfhaft alles, dass derjenige wieder besser drauf ist. Man macht sich zum Affen, versucht die Person zum Lachen zu bringen, möchte die Ursachen ergründen und die unangenehmen Gefühle beiseiteschieben. Es wird versucht, diesen Zustand, der von allen Beteiligten als unangenehm empfunden wird, so schnell wie möglich mit allen Mitteln zu beenden. Und mit allen Beteiligten sind auch wir selbst gemeint, denn auch selber versucht man in den meisten Fällen diesem Zustand entgegenzuwirken und die Melancholie zu bekämpfen.

Aber warum nur? Auch Trübsal und Melancholie haben ihre Berechtigung, sollten sie zumindest haben. Momente des Unglücklichseins bringen ganz viele verschiedene Emotionen mit sich, sie machen uns sensibel für das Geschehen in unserem Inneren und in der Umwelt. Unser Horizont wird erweitert und wir können uns auf das Selbst besinnen. Meist schleicht sich dieser Zustand der Unzufriedenheit ein, wenn wir aus der Balance geraten sind, uns Körper und Geist sagen wollen, dass wir gerade wieder mehr Ruhe brauchen. Nutzen wir diese Signale also und versuchen wir, diese vermeintlich negativen Emotionen bewusst anzunehmen. Bei uns selbst und bei den Menschen um uns herum.