Intimes Gespräch: Was Fredini wirklich über Monika K. denkt

Ich bin dem Alkohol schon seit ein paar Jahren nicht abgeneigt, was mich aber nicht davon abhält, dass ich eine äußerst gute Beziehung zu meiner Mutter, Monika K., pflege. Sie bestand zwar darauf, dass ich mich in Therapie begebe, ist aber oft so sehr mit sich selbst beschäftigt, sodass ich unbemerkt einigen Sitzungen fernbleiben konnte. Kann ja wohl niemand ertragen, dieses gefühlsduselige Geplapper über die Problemchen anderer. Manchmal bringt sie mir dennoch eine Flasche Gin mit. Hendrick’s, Bombay oder Wien Gin, der Gordon’s hat mir mal zu sehr den Magen verdorben und ich will nie wieder meine Galle in das Bett meiner Mutter entleeren. Schon alleine deshalb nicht, weil sie mir fast eine geschmiert hätte. Würde sie aber nicht, dafür liebt sie mich und meine Batschis zu sehr. Aber sie ist ziemlich geil auf den Fame. Sie klebt oft Stunden vor ihrem verdreckten Handy (weil sie fast nonstop fettige Chips-Finger hat) und missbraucht mich gelegentlich für ihre Instastories. Weil sie weiß, dass ich ein Klickbringer bin. Ich spiele meine Rolle, nur so komme ich an den nächsten Tropfen Gin.

Monika K. hat mich vor ca. fünf Jahren ins Leben gerufen. Sie hat mich aus einem Institut für Kinderbetreuung gefladert, was auch sonst? Das Thema Diebstahl klebt ihr regelrecht an der Seele wie im Sommer der Schweiß am Arsch. Sie hat mich, Fredini K., personifiziert. In ihren Augen bin ich ein Symbol: Nicht nur für das Leiden der Schweine, nein, ein Symbol aller unterdrückten Tiere, die unter der barbarischen Herrschaft der Menschheit leiden. Monika K. liebt Tiere, sie würde nicht mal eine Fliege oder eine Mücke erschlagen. Letztens wachte sie mit einigen Mückenstichen auf, weil sie die nervigen Mistviecher nicht töten wollte. Ich habe die Stiche, als sie noch schlief, mit etwas Speichel benetzt, damit sie am Morgen keinen allzu großen Juckreiz verspürt. Es war ein Zeichen meiner Dankbarkeit ihrer Liebe gegenüber mir und gegenüber uns Tieren. Außenstehende würden sie gerne mal als Freak bezeichnen, denn sie tickt manchmal etwas anders. Sie spricht aus, was viele nicht mal zu denken wagen. Ihr ist es ein Anliegen, über Tabu-Themen zu sprechen, um diese von den Schlössern zu befreien, die von der Gesellschaft auferlegt wurden.

Sie macht gerne Dinge, die andere als peinlich erachten, um zu zeigen, dass wenig peinlich ist. Sie hat sich mit ca. zehn Jahren (sie kann auch acht oder neun Jahre alt gewesen sein, alles ist möglich) mal in die Hose gekackt, als sie bei vornehmen Freunden ihrer Eltern zu Besuch war. Es war ein Versehen, sie hat es wohl nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette geschafft. Und sie erzählt diese Geschichte mit einer Selbstverständlichkeit, dass es allen außer ihr die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sie sagt dann gerne: „Ist doch nur Kacke!“

Was ich auch ganz besonders an ihr schätze, ist ihre liebevolle Art. Nach dem Aufwachen wünscht sie mir einen guten Morgen, abends streicht sie mir jeden Tag, aber wirklich jeden Tag, sanft über den Kopf und nimmt mir damit die Angst vor der Dunkelheit. Manchmal passiert es, dass sie sich wie eine Frühlingsrolle übers Bett wälzt und mich dabei streift. Dann schreckt sie jedes Mal hoch und befürchtet, dass ich Organquetschungen erlitten habe.
Wenn sie kocht, singt sie gerne und tanzt dabei. Dann muss sie manchmal selber kurz lachen. Aber Essen zuzubereiten ist für sie etwas Leidenschaftliches. Es ist ein Kochen mit Emotionen, denn sie macht dabei alles nach Gefühl und benutzt nie ein Rezept. Ich mache ihr ganz oft Komplimente, wie herrlich das Essen schmeckt. Sie reagiert jedes Mal aufs Neue leicht verlegen.

 

In stillen Momenten beobachte ich sie, wie sie ans Fenster geht, es öffnet und sich auf das Fensterbrett setzt. Dann sieht sie in den Himmel, lässt den Nachtwind durch ihr mit Extensions verdichtetes Haar wehen und ich frage mich, was sie wohl denkt. Hat sie Sorgen, so verschwindet sie meistens im Bad. Wahrscheinlich möchte sie ihre Trauer vor mir verbergen. Ich schleiche ihr aber auf leisen Pfoten gelegentlich hinterher. Wenn sie mit aufgestützten Ellbogen am Waschbeckenrand steht, sich dabei im Spiegel ansieht und ihre Augen wässrig werden, möchte ich sie am liebsten in den Arm nehmen. Es zerreißt mich innerlich, dass ich ihr diese Nähe nicht geben kann. Aber diese Momente sind selten, denn sie arbeitet seit Monaten, nein, seit Jahren hart an sich. Wobei das Wort „hart“ nicht wortwörtlich genommen werden darf. Sie sagt immer, dass man gütig zu sich sein soll und sich selber zum besten Freund haben muss, dann lebe es sich ganz gut. Ich hasse es, wenn sie das betont, denn innerlich werde ich ein wenig eifersüchtig, schließlich will ich ihr bester Freund sein.

Was macht Monika K. noch aus? Nun, sie liebt es, wenn sie andere Menschen zum Lachen bringt. Es ist für sie eine Art von Erfüllung, wenn sie Leuten zuhört und irgendwie dazu beitragen kann, dass das Leben anderer besser wird, und wenn es nur für fünf Minuten ist. Manchmal steckt in ihr auch so ein widerlicher Weltverbesserer, aber zum Glück nicht der klassische Typ. Grundsätzlich ist sie negativ eingestellt, findet viele Aspekte des Lebens scheiße, den Alltag mühsam und betrachtet unsere Existenz als völlig sinnlos. Nichtsdestotrotz hat sie einen Weg gefunden, damit ganz gut zu leben und vor allem aus sich selber eine Version zu machen, die es ihr ermöglicht, sich zu lieben und ausgeglichener zu sein. Monika K. ist eine Person, die Kleidung mehrere Tage hintereinander trägt, die Tauben auf der Straße den Vortritt lässt oder einen Schritt beiseite geht, damit sie sich nicht erschrecken und wegfliegen müssen. Sie ist eine Person, die beim Anblick der untergehenden Sonne Gänsehaut bekommt, Schnecken vom Gehsteig aufsammelt und im Gras absetzt und den Geruch von Pferdepisse und Schweiß irgendwie mag.

Um sie in einem abschließenden Satz zu beschreiben: Monika K., ein Mensch, der Rote Beete und Brokkoli hasst, beides aber dennoch isst, weil es gesund ist. Ein Leben im Widerspruch.

Mutter, ich liebe dich.

gez. dein Sohn, Fredini K.

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